Sharkalarm – Wie es sich anfühlt mit Haien zu surfen

von Katha, Katrin

Was ist es eigentlich für ein Gefühl eine Haiflosse aus dem Wasser ragen zu sehen? Lässt man sich auf das Risiko einer Haibegegnung ein? Der östliche Küstenabschnitt Australiens »New South Wales« ist seit rund zwei Jahren in Schlagzeilen, in dem das Wort »Hai« auftaucht und wird mittlerweile als »Fatal Coast« bezeichnet. Die Surfmagazine und australischen Medien sind voll mit Hiobsbotschaften rund um das Thema. Doch soll man deswegen das Surfen gleich sein lassen?

 

Vor meiner Reise nach Australien, habe ich mir um das Thema »Hai« eigentlich nie Gedanken gemacht. In Europa steht das einfach nicht zur Debatte. Klar, es gibt überall Haie, aber wir haben hier glücklicherweise keine Weißen Haie oder Tigersharks. Eine Begegnung mit einem hungrigen Hai im europäischen Wasser ist wirklich sehr unrealistisch. Also ruhig die Beine auf dem Brett ins Wasser baumeln lassen.

An machen Küsten ist das »Beine baumeln lassen« allerdings nicht ganz so entspannend. Dazu gehört seit ein paar Jahren nun auch Australien. Lange standen Südafrika oder Réunion im Fokus der Gefahrenzone. Auch der Westen Australiens war bekannt für Haiangriffe. Die Ostküste New South Wales gehörte nicht so richtig dazu. Es gab zwar Haiangriffe, allerdings so wenige, dass man sich dort keine Sorgen machen musste: 20 Jahre lang gab es keinen tödlichen Haiangriff. 20 Jahre lang, bis ich 2014 nach New South Wales geflogen bin. Innerhalb von einem Jahr gab es in der Gegend rund um Byron Bay alle paar Wochen grausame Nachrichten über Haiangriffe. Viele davon sind tödlich ausgegangen. Diese regelmäßigen Attacken waren sehr ungewöhnlich für die Gegend und machten sogar den älteren einheimischen Surfern Sorgen.

Die Haiangriffe standen in den Medien auf der Tagesordnung. Kein Tag verging, an dem nicht darüber gesprochen, diskutiert, gestritten oder nach Ursachen und Lösungsmöglichkeiten gesucht wurde. Jeden Morgen konnte man die lokale Zeitung aufschlagen und Kolumnen rund um das Thema finden. Gerüchte über mögliche Haisichtungen verbreiteten sich durch Byron Bay, Lennox Head, Ballina und die Küste hoch und runter. Irgendwie wurden Haie nach einer Zeit zur Normalität. Zur gespenstischen und besorgniserregenden Normalität.

 

 

Vor meinem Aufenthalt in Australien hätte ich niemals gedacht, dass ich irgendwo surfen gehen würde, wo es Haie gibt. Bis dato galt die Gegend auch als »Haiangriff-Arm«. Wenn man dann allerdings vor Ort ist und das kristallklare Wasser mit haufenweisen fröhlichen Surfern und cleanen Wellen sieht, würde ich drauf wetten, dass jeder (und wirklich jeder) keine Sekunde zögern würde, raus zu paddeln. Die europäische Haiangst wird einfach weggeblasen und überzogen von perfekten Wellen.

Allein die Vorstellung von einem Hai lässt viele zusammenschrecken. Das kann auch daran liegen, dass wir uns hierzulande niemals mit dem Thema beschäftigen. Einer neuen Situation  begegnet man erst einmal mit Respekt. Normalität schafft allerdings Vertrauen. Und das Thema Hai ist nach gewisser Zeit in Australien zur Normalität geworden. Jeder der ins Wasser geht, weiß einfach das sich möglicherweise irgendwo da draußen Haie aufhalten könnte. Nach kurzer Zeit habe ich gelernt, dass »irgendwo« da draußen und »möglicherweise« mit »knietief« und »mit sehr großer Wahrscheinlichkeit« gemeint war. Früher dachte ich immer, dass man ganz weit draußen im Wasser sein muss, um einem Hai zu begegnen. Früher dachte ich auch, dass dort wo Delfine schwimmen, keine Haie sind. Beides stimmt nicht. Ich habe gelernt, dass man an Flussmündungen besser nicht surfen geht, weil sich dort viele kleine Fische befinden, die Haie gerne essen. Und ich habe gelernt, dass Haie gerne den Walen folgen, weil Wale Fische mit sich bringen, die Haie auch gerne essen. Wenn allerdings eine dieser Faktoren durch beispielweise Meereserwärmung nur minimal außer Kontrolle gerät und die Wale nicht mehr zur gewohnten Jahreszeit an der Küste lang ziehen, weil das Meer noch zu warm ist, bekommen die Haie Hunger. Und hungrige Haie sind nicht so gut, das weiß ja jedes Kind.

Besonders eine Situation ist mir in Erinnerung geblieben. Ich saß wie jeden Tag draußen im Meer auf meinem Brett. Nicht besonders weit vom Ufer entfernt, die Wellen waren klein und sehr sauber. Das Wasser glasklar und türkis. Um mich herum waren wie immer mindestens zwanzig Surfer. Um das Gewissen zu beruhigen ist man niemals ganz nach hinten rausgepaddelt, weil man dort bestimmt als Erstes von einem Hai angegriffen würde. Das ist natürlich völliger Quatsch, aber hauptsache der Placebo-Effekt klappt. So saß ich da, an einem traumhaften Pointbreak. Auf einmal bildete ich mir ein, einen Schatten unter mir gesehen zu haben. Ich schaute mich suchend und fragend um und sah noch ein paar andere Surfer mit dem gleichen verwirrten Gesicht. Dann tauchte eine Flosse auf. Ich schaute den Surfer neben mir an und fragte, ob er das auch gesehen hätte. Er stimmte mir zu und sagte trocken:

Yes, that’s NOT a dolphin. It’s a shark.

Doch statt panisch oder ängstlich zu reagieren, war ich eher genervt davon, dass ich bei den tollen Wellen wohl das Wasser verlassen sollte. Mittlerweile hatte es sich im Wasser herum gesprochen, dass ein Hai unterwegs sei, doch irgendwie hat fast niemand das Wasser verlassen. Dann schaute ich zu dem Surfer und sagte: »It might be gone. I don’t want to leave, the waves are too great today!« Er saß auch noch in aller Ruhe im Wasser, antwortete aber :

Well, that was just a baby shark… but if there is a baby in the water, I don’t want to know where the mother might be…

Diese Aussage hat mich dann zur Vernunft gebracht und ich bin aus dem immer noch vollen Line-Up ans Ufer gepaddelt. Am Strand habe ich dann noch einen Surfer warnen wollen der gerade rauspaddeln wollte. Seine Reaktion auf meine Aussage, dass ein Hai im Wasser sei, war allerdings nur ein sehr verärgertes: »Really? Who told you that story?!«

Da war sie also. Die erste Begegnung mit einem Hai!

Am meisten erschrocken war ich nicht von Begegnung an und für sich, sondern von meiner Reaktion. Ich hätte erwartet, dass ich panisch sofort zurück ans Ufer paddeln würde, sobald ich irgendwas mit »Hai« höre. Stattdessen hat mich die Normalität der Thematik mit sich gerissen. Byron Bay hat mir beigebracht, dass ich auf eigene Gefahr ins Wasser gehe und mir dessen immer bewusst sein muss. Übertriebene Angst bringt einen nicht weiter, Respekt allerdings schon! Noch heute verfolge ich die Geschehnisse vor Ort, lese Berichte über »Sharkbanz« oder gestreifte Neos, die Haie vertreiben sollen und beobachte die Diskussionen über »Sharknets« rund um Byron Bay. Es wird fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, um die Haiangriffe zu mindern. Irgendwie hat es der Hai geschafft, dass ich selbst im fernen Europa noch immer darüber nachdenke und mich damit viel beschäftige. Wenn ich jetzt das Wort »Hai« höre, läuft mir zwar ein Schauer über den Rücken, aber gleichzeitig auch ein undefinierbares Gefühl zu einem Lebewesen im Meer, dass uns Menschen noch immer Respekt lehrt und uns zeigt, wie verwundbar der Ozean ist! Und wie verwundbar wir sind, wenn wir nicht gut mit ihm umgehen. Die Welt braucht mehr Meerliebe. Wir dürfen nicht zulassen, dass unser liebstes Element aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Danke Hai, dass du mich drauf aufmerksam gemacht hast!

Hier ein paar interessante Links:
The Australien
YouTube

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